LPG Suhlgrube

April 21st, 2007

Quis custodiet ipsos custodes?

Posted by campaigner in Rezension, Was mit Medien...

watchmen
Eines der besten Bücher, das ich in letzter Zeit gelesen habe, ist eines, das von vielen Literaturkritikern vermutlich gar nicht erst als Buch anerkannt würde. Grund hierfür ist, dass es dem Genre der graphic novels angehört, der Comics.

Alan Moores Watchmen versucht darzustellen, wie eine realistische Gesellschaft darauf reagieren würde, wenn normale Menschen auf einmal begännen, kostümiert das Verbrechen zu bekämpfen (diesen Satz musste ich so früh bringen, da sich Jan darüber so herzlich amüsiert hatte ;)). Aber es wäre nicht so ein brillantes Buch, wenn es nicht um mehr ginge und wenn es nicht auf so vielen Ebenen funktionierte.

Schon allein der Titel lässt sich auf mehreren Ebenen lesen. Einerseits steht er repräsentativ für das titelgebende Zitat dieses Blogeintrags: Who watches the watchmen? Wer bewacht die Wachen? Ein Superheld steht über der normalen Gesellschaft (um sie zu beschützen?), aber wer steht über dem Superhelden?
Andererseits kommen Uhren (engl. watch oder clock) wiederholt im Buch vor. Und eine dieser Uhren, die metaphorische Doomsday Clock steht ebenso wie ein Damoklesschwert über der ganzen Comicserie.
Und wieder andererseits könnte man watch auch als beobachten deuten. Beobachten, um Informationen zu erlangen. Der grobe Handlungsrahmen des Comics ist eine Mordserie an Superhelden, die aufgeklärt wird. Dazu sammelt der Hauptcharakter Rorschach Informationen, aber es gibt noch einen weiteren großen Beobachter, der in der Handlung eine ebenso große Rolle einnimmt.

Watchmen stammt aus den 80ern, und bei einem anderen Motiv merkt man dies noch überdeutlich: der Kalte Krieg ist noch stark präsent, v.a. da einer der Protagonisten - Doc Manhattan, eine gottgleiche, beinahe allmächtige Gestalt - den wichtigsten Rüstungsvorsprung der USA gegenüber der UdSSR darstellt.
Hiroshima-Echos, die Schatten von Menschen, die während der Explosion der Atombombe auf ewig in Häuserwänden eingebrannt wurden, tauchen in ihrer eigentlichen und in abstrahierter Gestalt immer wieder auf: als Graffiti, als Schatten in Rückblenden oder ganz abstrakt in der Erinnerung an eine Bombe, alle Kriege zu beenden - der wahre Schatten von Hiroshima.

Und ganz nebenher gibt es natürlich noch maskierte Wächter und das Thema der Identität, das sich bei Kostümen ja geradezu anbietet: Id. Ego. Superego. Ein Dialog zwischen Sarah Juspeczyk alias Silk Spectre und Dan Dreiberg alias Nite Owl dreht sich folglich auch um die zweite Haut der Superhelden:

- That sounds like the costume that could really mess you up.
- Is there any other sort?

Watchmen ist zwar in seinem Setting tief in den 80ern verwurzelt, geht aber in seiner Geschichte so tief auf grundlegende menschliche bzw. gesellschaftliche Wesensmerkmale ein, dass es auch heute noch absolut lesenswert ist und bleibt. Und sei es auch nur, um aus erster Hand zu erfahren, woher Filme wie SAW oder The Incredibles und vermutlich noch viele mehr ihre Inspiration her nehmen.

Ach ja, und wenn jemand fragt, wer in einem Kampf der Antihelden gewinnen würde, Batman oder Wolverine, dann muss man doch das nötige Hintergrundwissen haben, um die einzige richtige Antwort zu geben: Rorschach. ;)

rorschach

3 Responses to ' Quis custodiet ipsos custodes? '

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  1. on April 22nd, 2007 at 2:39 pm

    [...] Thematisch passend zum letzten Post gibt es quasi ein Lied aus dem Originalsoundtrack: Now at midnight all the agents And the superhuman crew Come out and round up everyone That knows more than they do Then they bring them to the factory Where the heart-attack machine Is strapped across their shoulders And then the kerosene Is brought down from the castles By insurance men who go Check to see that nobody is escaping To desolation row [...]


  2. on July 27th, 2007 at 12:09 pm

    [...] ein paar Tagen geistert im Internet herum, wer in der Verfilmung von Watchmen die Hauptrollen verkörpern wird. Da das Budget anscheinend kleiner ist, als von Regisseur Zack [...]

  3. hunter said,

    on December 23rd, 2009 at 8:05 pm

    You just got yourself a place in my favorites

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